for four, disturbance

Ein musikalischer Performanceabend (2014)

Wenn zwei Choreografen, die beide bisher vor allem die Auseinandersetzung mit bewegenden Fragen ihrer Gegenwart suchten, sich einem Streichquartett zuwenden, dessen Grundprinzip vor fast 250 Jahren in Mitteleuropa erdacht worden ist, betreten sie trotz oder gerade wegen aller choreografisch-musikalischen Traditionen völliges Neuland. Denn die Frage, wie zeitgenössischer Tanz und Musik – ob Neue oder klassische – zusammengehen können, ist keineswegs beantwortet. Muss der Tanz zwingend der Musik folgen, die wiederum der Partitur, der Komposition verpflichtet ist? Was bedeutet es, zu folgen? Mit for four, disturbance forcieren Stephanie Thiersch und Omar Rajeh zusammen mit dem Asasello-Quartett experimentierfreudig und doch einfühlsam unerwartete Begegnungen und poetische Zusammenstöße. Entstanden sind zwei einander gegenseitig kommentierende und herausfordernde Versuche choreografisch-musikalischer Kollisionen, die verschiedene Antworten anbieten zu ähnlichen Fragen unter gleichen Versuchsbedingungen (ein Streichquartett, drei zeitgenössische TänzerInnen, ein dreiseitig offener, leerer Raum):

Stephanie Thiersch widmet sich in for four intensiv den klanglichen, aber auch den so noch nie ausgeloteten theatral-tänzerischen Qualitäten des Streichquartetts und wagt die größtmögliche gegenseitige Annäherung der TänzerInnen-, MusikerInnen- und Klangkörper. Gemeinsam werden tonale und körperliche Resonanzräume erforscht – risikofreudig balancierend zwischen Hingabe und dem Bewahren der unvereinbar eigenen Qualitäten. Tanz wird hörbar als Musik, die Bewegungen der Musiker sichtbar als Choreographie und die Position des unsichtbar dirigierenden Spielleiters immer wieder zur Disposition gestellt. Zudem fordert das Stück mit humorvollem Ernst und der jedes Klischee von Tanzbarkeit unterlaufenden, oft in kleinste musikalische Übergänge gegliederten und sehr zarten Neuen Musik nicht nur unsere Stadtlärm gewohnten Hörsinne heraus.

Omar Rajehs Choreografie disturbance sucht die Unterbrechung eines etablierten, scheinbar friedlichen Zustands und geht aus von der Idee eines Zusammenstoßes oder einer plötzlichen Zerrüttung, die unsere Wahrnehmung vollkommen verschieben können – die Serie überraschender Begegnungen und Kollisionen kreiert Orte und Zustände des Aufbrechens. Grundlage der Performance ist die Partitur von Mozarts Streichquartett Nr. 15 in d-Moll, die von den MusikerInnen und TänzerInnen durchgehend interpretiert, dabei auch beständig über- und sogar versetzt wird. Das Stück fragt nach dem “Original” und dem, was sich verändert – die äußerst feine Linie zwischen Tanz und Musik, Bewegung und Klang, “klassisch” und “zeitgenössisch” wird sichtbar.

Credits

Choreografie: Omar Rajeh, Stephanie Thiersch; Kreation und Performance: Rostislav Kozhevnikov (1. Violine),
Barbara Kuster (2. Violine), Justyna Sliwa (Viola), Wolfgang Zamastil (Cello) | Viviana Escalé, Mia Habis (“disturbance”), Mu-Yi Kuo (“for four”), Valenti Rocamora i Torà; Bühne, Lichtdesign, Fotografie: Martin Rottenkolber; Kostüme: Sabine Schneider; Dramaturgische Beratung: Anna Volkland; Technische Leitung: Niko Moddenborg; Choreografische Assistenz: Jan Rohwedder; Management: Béla Bisom; Produktionsleitung: Karolin Henze

Eine Produktion von

MOUVOIR/Stephanie Thiersch in Kooperation mit Maqamat/Omar Rajeh und Asasello-Quartett, Koproduziert von: tanzhaus nrw Düsseldorf, Theater im Pumpenhaus Münster, freihandelszone – Ensemblenetzwerk Köln.

Gefördert durch

Kunststiftung NRW, Fonds Darstellende Künste e.V., Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, Kulturamt der Stadt Köln.